29.10.2026
Interview mit Leonie Mark
Leonie Mark ist 25 Jahre alt und arbeitet als Gesellin im Karosserie- und Fahrzeugbau bei Koc Fahrzeugbau. Neben ihrer Teilzeitbeschäftigung studiert sie Maschinenbau. Ihr Weg ging jedoch nicht direkt ins Handwerk: Nach einem Ausflug ins Lehramtstudium hat die junge Frau schnell festgestellt, dass ihr beruflicher Weg eine andere Richtung einschlagen sollte.
Um Orientierung zu finden, begann sie mit einem Nebenjob im Büro eines Karosserie- und Fahrzeugbauunternehmens. Täglich sah sie, was die Jungs in der Werkstatt machten. Und das gefall ihr. Über ein Praktikum ist sie dann zu ihrem dualen Studium – Karosserie- und Fahrzeugbau in der Ausbildung und Maschinenbau im Studium gekommen. Das Kompetenzzentrum Frauen und Beruf hat Leonie in der Werkstatt besucht und mit ihr über die Freude an ihrem Beruf und ihre Gedanken zu Frauen im Handwerk gesprochen.
KomZ: Was begeistert dich an deinem Beruf?
Leonie: Das ist schwierig zu erklären, wenn man dieses Gefühl nicht fühlt, es ist eine Leidenschaft. Zu merken: Ich kann das einfach. Man hat etwas in der Hand, lernt viel über sich selbst und traut sich einfach nach und nach viel mehr zu. Das gibt ein tolles Gefühl von Selbstbewusstsein.
KomZ: Hast du nach deiner Entscheidung ins Handwerk zu gehen auch kritische Stimmen gehört, die dir geraten haben: Geh besser nicht ins Handwerk?
Leonie: Ja, auf jeden Fall. Unter den dualen Studierenden bin ich die Einzige, die im Handwerk tätig ist. Alle anderen arbeiten in der Industrie. Aber die Leidenschaft, die mit der Arbeit im Handwerk einhergeht, können mir andere Jobs nicht geben. Die Menschen, die im Handwerk arbeiten, brennen einfach für ihre Arbeit. Die haben Bock auf Handwerk.
KomZ: Du warst die erste weibliche Auszubildende in der technischen Berufsausbildung bei dir im Betrieb. Und dann auch noch parallel zum Studium… Hast du da jetzt anderen Frauen den Weg geebnet?
Leonie: Ich würde mich natürlich freuen, wenn das so wäre. Anfangs hatte ich in der Berufsschule auch Startschwierigkeiten und es kamen einige Bemerkungen und Sprüche zu mir als Frau. Mir war es dann wichtig, diese Situationen mit allen Beteiligten aufzuarbeiten und ein Bewusstsein zu schaffen.
Rückblickend will ich manchmal sagen: Es war „nur ein Spruch“, wenn ich gehört habe „Du als Frau kannst das nicht“ oder „Du bist ja für die Feinarbeiten da“. Aber dann gab es auch extremere Aussagen: „In meinen Augen kannst du jetzt alles mit 1 haben, ich würde trotzdem lieber 'nen Mann einstellen … Weil du bist ja irgendwann weg, als Frau.“ Es ist eben nicht nur EIN Spruch. Zu Beginn habe ich mir das sehr zu Herzen genommen. Mit der Zeit legt man sich aber ein dickes Fell zu und es gelang mir eine Grenze zu ziehen. Das ist es, was ich allen nur raten kann: Lasst euch nicht unterkriegen!
KomZ: Hast du einen Tipp für junge Frauen in der Ausbildung, die mit solchen Sprüchen zu kämpfen haben?
Leonie: Nicht aufgeben! Ganz wichtig: Dranbleiben, insbesondere wenn es einem Spaß macht. Es ist es nicht wert, sich die eigene Leidenschaft von anderen kaputt machen zu lassen. Außerdem würde ich jungen Frauen raten, sich Verbündete und Hilfe zu suchen. Und es lohnt sich allemal dranzubleiben. Wenn die Kritiker erst einmal erkannt haben, dass man was draufhat, ist meistens ganz schnell Ruhe.
KomZ: Du warst auch als Ausbildungsbotschafterin in den Schulen für das Handwerk im Einsatz. Wie wichtig ist es dir, selbst Vorbild zu sein?
Leonie: Das ist mir sehr sehr wichtig. Als ich vor fünf Jahren mit der Ausbildung gestartet bin, gab es diese Vorbilder nicht. In meiner Schulzeit wurde mir die Option nicht offenbart, dass ich als Frau diesen Weg einschlagen kann. Auch in den Medien war die Sichtbarkeit von Frauen im Handwerk noch nicht so stark. Das ändert sich aktuell.
KomZ: Wo setzt du dich aktuell für Frauen im Handwerk ein?
Leonie: Ich würde eigentlich gerne noch so viel mehr machen. Derzeit bin ich im Gesellenausschuss meines Berufs aktiv und repräsentiere dort als einzige Frau unsere Perspektive. Mir ist es wichtig, dass weibliche Auszubildende, die ihre Prüfung ablegen, sehen, dass es bereits Frauen in unserem Gewerk gibt, die diesen Weg gegangen sind. Ich hoffe, dass das eine Motivation ist.
KomZ: Wie können wir noch mehr Frauen ins Handwerk holen?
Leonie: Ich finde das Konzept der Ausbildungsbotschafter schon super, weil man dort direkt den Jugendlichen ins Gedächtnis rufen kann: Das Handwerk gibt’s auch noch. Und das gibt’s für alle! Insbesondere bei Menschen, die das Abitur machen, wird meistens der akademische Weg vorgeschlagen. Dabei hat das Handwerk so viele Optionen. Man kann sich auch nach der Ausbildung noch weiterbilden.
Ansonsten sind auch Mentoringprogramme super hilfreich, um Frauen, die schon im Handwerk sind, weiter zu unterstützen. Da würde ich auch gerne an einem geeigneten Programm teilnehmen.